Ein Mitarbeiter der britischen Bahngesellschaft LNER hat am 7. Mai 2023 weggeworfene Sausage Rolls aus dem Mülleimer der Zugküche gerettet, aufgewärmt und über einen Kollegen an zwei Fahrgäste der ersten Klasse serviert. Der Vorfall wurde durch Videoüberwachung belegt, führte zur fristlosen Kündigung des Mitarbeiters und landete schließlich vor dem Tribunal in Newcastle.
Ein Zug, eine Küche, ein Mülleimer. Und zwei Passagiere der ersten Klasse, die nichts ahnten. Was sich am 7. Mai 2023 an Bord eines Zuges der London North Eastern Railway abspielte, ist ein Fall, der die Grenzen zwischen Lebensmittelhygiene, Arbeitnehmerrechten und schlichtem Urteilsvermögen auf erschreckende Weise auslotet.
Peter Duffy, damaliger Mitarbeiter im Zugcatering von LNER, griff in der Bordküche in einen Mülleimer, holte weggeworfene Sausage Rolls (Blätterteiggebäck mit Wurst) heraus und ließ sie aufwärmen. Ein Kollege servierte die recycelten Snacks anschließend zwei zahlenden Gästen im Premiumbereich. Der Vorfall flog auf, weil ein weiteres Teammitglied nach eigenen Angaben Lachen aus der Küche hörte und stutzig wurde.
Der Vorfall und seine Entdeckung
Mülleimer statt Kühlschrank: wie es zur Entdeckung kam
Das Aufmerken eines Kollegen war der Wendepunkt. Ein Mitglied des Zugpersonals, das die Geräusche aus der Küche bemerkte, meldete den Vorfall. Daraufhin wurden die Aufnahmen der Bordüberwachungskameras gesichtet. Die Bilder zeigten eindeutig, wie Duffy die bereits entsorgten Lebensmittel aus dem Abfall holte. Ein Hôte aus dem Standardbereich war ebenfalls in der Küche anwesend und Zeuge des Geschehens.
Noch am selben Tag wurden Peter Duffy und sein Kollege sofort suspendiert. Die Bahngesellschaft LNER leitete eine interne Untersuchung ein, die in einer formellen Befragung am 17. Mai 2023 gipfelte. Zehn Tage nach dem Vorfall saß Duffy also einem Untersuchungsausschuss gegenüber, der seine Version der Dinge anhören sollte.
Das Servieren von Lebensmitteln, die zuvor entsorgt wurden, verstößt gegen grundlegende Lebensmittelhygienevorschriften und kann die Gesundheit der Konsumenten ernsthaft gefährden.
Das Kernproblem ist nicht nur ethischer, sondern auch rechtlicher Natur. Lebensmittel landen im Müll, weil sie als nicht mehr verkehrsfähig eingestuft wurden, sei es wegen abgelaufener Haltbarkeit, Temperaturschwankungen oder einfach wegen Qualitätsmängeln. Wer solche Produkte aufwärmt und ohne Wissen der Konsumenten serviert, riskiert deren Gesundheit. Gerade in einem Kontext, in dem Lebensmittelhygiene immer stärker in den Fokus rückt, wiegt ein solches Vergehen besonders schwer.
Kündigung wegen schwerwiegenden Fehlverhaltens
Das Ergebnis der Untersuchung ließ keine Interpretationsspielräume. LNER befand Peter Duffy im Juli 2023 der schwerwiegenden Verfehlung schuldig. Die Konsequenz war eindeutig: fristlose Kündigung. Sein Kollege, der die Speisen serviert hatte, wurde ebenfalls suspendiert, wobei über sein weiteres Schicksal im Unternehmen weniger bekannt ist.
Lebensmittelsicherheit im Zugcatering unter der Lupe
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Bedingungen, unter denen Catering-Personal in Zügen arbeitet. Wer täglich mit Lebensmitteln hantiert, trägt eine besondere Verantwortung gegenüber den Fahrgästen. Das gilt erst recht im Premiumbereich, wo Passagiere für Komfort und Qualität ausdrücklich mehr bezahlen. Zwei Reisende der ersten Klasse aßen in diesem Fall Speisen, die bereits als Abfall deklariert worden waren, ohne es zu wissen.
Die Frage nach möglichen gesundheitlichen Folgen bleibt offen. Ob die betroffenen Passagiere überhaupt von dem Vorfall erfuhren, ist nicht bekannt. Fest steht: Das Risiko war real. Ähnlich wie bei falsch gelagerten oder zubereiteten Lebensmitteln kann das Aufwärmen von Produkten aus dem Müll zu Keimbelastungen führen, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind.
Die rechtliche Niederlage vor dem Tribunal in Newcastle
Entlassen und nicht bereit, das einfach hinzunehmen, zog Peter Duffy im August 2025 vor das Arbeitsgericht in Newcastle. Er reichte gleich zwei Klagen ein: eine wegen ungerechtfertigter Kündigung, eine weitere wegen Diskriminierung.
Klagen von Peter Duffy vor dem Tribunal in Newcastle — beide abgewiesen
Das Tribunal ließ sich von den Argumenten Duffys nicht überzeugen. Beide Klagen wurden abgewiesen. Die Entscheidung des Gerichts bestätigt damit die Position von LNER: Die Kündigung war rechtens. Der Arbeitgeber hatte ausreichend Beweise, darunter die Videoüberwachungsaufnahmen und Zeugenaussagen aus dem eigenen Team, um das Fehlverhalten zweifelsfrei nachzuweisen.
Abgewiesene Klage: was das Urteil bedeutet
Das Scheitern der Diskriminierungsklage ist bemerkenswert. Duffy hatte offenbar versucht, seine Entlassung in einem breiteren Kontext anzufechten, aber das Gericht sah keinen Zusammenhang zwischen der Kündigung und einer etwaigen Diskriminierung. Die Beweislage war schlicht zu eindeutig. Videobeweise sind im Arbeitsrecht schwer zu entkräften, besonders wenn sie direkt zeigen, was dem Mitarbeiter vorgeworfen wird.
Für LNER ist das Urteil eine Bestätigung ihres Handelns. Für Duffy bedeutet es das endgültige Ende eines Rechtsstreits, der fast zwei Jahre nach dem eigentlichen Vorfall abgeschlossen wurde. Und für die Fahrgäste, die an jenem 7. Mai 2023 in der ersten Klasse saßen, bleibt es eine unangenehme Geschichte, die zeigt, wie wenig Kontrolle Reisende über das haben, was ihnen auf dem Tablett landet. Wer beim nächsten Mal im Zug einen warmen Snack bestellt, denkt vielleicht zweimal nach.
